Vielzitzenmäuse - die Kuschelmonster

Auch meine erste Begegnung mit Vielzitzenmäusen hatte ich schon in meiner Kindheit: In der hintersten Ecke einer Tierhandlung fand ich unter den Regalen mehrere Becken mit Futtermäusen. In einem davon waren besonders niedliche (vermeintliche) Farbmäuse mit großen Kulleraugen. Ich schob den Deckel ein Stück beiseite und langte mit dem Arm bis zur Schulter hinein. Die Mäuse kamen sofort neugierig angerannt und beschnupperten meine Finger... Plötzlich ein markerschütternder Schrei hinter mir, und ich werde mit einem Ruck vom Becken weggerissen. "Bist du des Wahnsinns, das sind Springermäuse, die beissen dir die Finger ab", plärrte die Verkäuferin.

 

Anfang der Neunziger entdeckte ich dann auf einer Reptilienbörse wieder (vermeintliche) Farbmäuse mit besonders hübscher Scheckung. Sie sahen aus wie kleine Pandas, mit herzerweichendem Unschuldsblick. Die wollte ich unbedingt haben und begann gerade meine Mutter weichzuklopfen, als die Verkäuferin einwandte: "Springermäuse beissen, die verkaufe ich nicht an Kinder". Achso, das waren also wieder diese gemeingefährlichen "Springermäuse".

 

Noch ein paar Jahre später, ende der Neunziger, musste ich die Futtermäuse für meine damalige Kornnatter aus einer Tierhandlung beziehen, da ich mittlerweile in einer WG wohnte und aus Geruchsgründen nichtmehr wie gewohnt selber vermehren konnte. Einmal waren die Futtermäuse dort aber aus, ich sollte also in einigen Tagen wiederkommen. Da meine Schlange hungrig war und ich nicht warten wollte, fragte ich stattdessen nach jungen Ratten. Aber es gab nochnoch ein paar "Vielzitzenmäuse". Nie gehört - aber egal, meine Schlange war ein super Fresser, diese Mäuse würden ihr schon schmecken. Ich bekam meine erste Vielzitzenmaus aber nur unter der Bedingung, sie vorher abzutöten, andernfalls könnte sie meiner Natter gefährlich werden. Schwer zu glauben...

Zuhause beim Auspacken die große Überraschung: Ich hatte eine "Springermaus"!

 

Springermaus hin und Vielzitzenmaus her - ich nenne meine Tiere lieber "Weichfell-Zwergratten". Ich finde dieser Name passt besser als jeder andere und sollte sich doch bitte durchsetzen. ;-)

Meine erste, wie auch die ihr nachfolgenden Weichfell-Zwergratten waren Menschen gegenüber wirklich extrem aggressiv. Ich wagte es nicht, in ihren Käfig zu fassen - die Tiere verbissen sich blindlings in alles was sich bewegte. Solche Exemplare findet man heutzutage übrigens nurnoch sehr selten, denn durch Auswahlzucht sind Weichfell-Zwergratten insgesamt um einiges ruhiger geworden.

 

Mir waren die Tiere recht unsympathisch, zum einen weil sie mich auch nicht ausstehen konnten, zum anderen weil sie mir vom Körperbau her einfach nicht gefielen. Auch die neugeborenen Jungtiere waren mit ihren borstigen Haaren potthässlich, ich ekelte mich regelrecht vor ihnen.

Das Praktische an Weichfell-Zwergratten als Futtertiere war allerdings ihre unnachahmliche Vermehrungsrate, der geringere Geruch und die höhere Verträglichkeit der Böcke im Vergleich zu denen von Farbmäusen, sowie die hervorragende Akzeptanz und perfekte Größe für meine Schlangen.

 

Beschäftigt habe ich mich mit meinen Weichfell-Zwergratten in keiner Weise. Sie interessierten mich einfach nicht und das beruhte - so dachte ich damals - auf Gegenseitigkeit.

Nur Besucher amüsierte ich manchmal indem ich ihnen die "Blutrünstigkeit" meiner Zwergratten vorführte. Aus heutiger Sicht natürlich ekelerregend respektlos den Tieren gegenüber.

 

Nach einer Weichfell-Zwergratten-Pause, denn meine gefräßigste Schlange hatte ich abgegeben, wurde mir wieder ein altes, ausgedientes Zuchtpäärchen angeboten, das unfruchtbar geworden war (wobei das Böckchen bei mir später noch Nachwuchs zeugte). Die Tiere waren großwüchsig und die Besitzerin hatte nur Kornnattern, konnte sie also nicht verfüttern. Das passte mir gut, denn in meiner Farbmaus-Bockgruppe gab es Probleme, und ich musste den gestressten Senior vereinzeln. Die auch schon betagten Weichfell-Zwergratten eigneten sich perfekt als Notgesellschaft.

Ich nannte die beiden Susi und Poldi.

Susi (links) und Poldi
Susi (links) und Poldi

Bei der Vorbesitzerin wurden Susi und Poldi nur mit Pinzette am Schwanz gehandelt, und Poldi`s Schwanzspitze war davon gebrochen. Umso mehr hat mich erstaunt, dass er schnell futterzahm wurde und meiner Hand gegenüber eine vorsichte, freundliche Neugier entwickelte. Irgendwann hatte ich den Mut, ihn zu streicheln... und von da an wurden wir dicke Freunde. Er wurde immer verschmuster und anhänglicher, war zahm wie eine Farbatte.

Vor der alten Susi dagegen hatte ich großen Respekt, denn sie benahm sich so wie ich es von meinen früheren Zwergratten kannte: erst wild drauf los beissen, dann erst gucken was es überhaupt war. Es war eine entsprechend große Überwindung, ihr erstmals die nackte Hand hinzuhalten... aber anstatt zu beissen sprang sie sofort drauf und kletterte neugierig an mir rum.

Im Freilauf spielte Susi ausgelassen mit Katzenbällen und -angeln, und wenn ich am Computer saß legte sie sich wie ein nasser Sack quer über mein Knie und schlief - ein erstaunlicher Vertrauensbeweis von einem Tier, das lebenslang keinen (positiven) Kontakt zum Menschen kannte. Anders als Poldi blieb Susi aber trotzdem bis zuletzt sehr bissig und unberechenbar.

Das Eis war jedenfalls gebrochen, ich war dieser Tierart, die ich so lange verkannt hatte, nun vollends verfallen. Ich las alles was ich in die Finger kriegen konnte, nahm weitere Weichfell-Zwergratten aus Haustier- und Futtertierhaltung bei mir auf und behandelte sie von Anfang an genau wie Farbratten. Ich holte mir in Rattenforen Tipps zum Thema "Wie zähme ich meine besonders scheue oder/und aggressive Ratte", gab ihnen Freilauf und spielte mit ihnen... mit der Folge, dass sie sich auch fast wie Ratten verhielten.

 

Weichfell-Zwergratten können also, mit sehr viel Zuneigung und Beschäftigung, ihrem schlechten Ruf zum Trotz tolle Haustiere abgeben, vorallem für Menschen die sich zwar gerne mit ihren Tieren befassen anstatt sie nur zu beobachten, aber dennoch nicht unbedingt mit ihnen kuscheln wollen. Mit ihnen wird glücklich, wer einmalige Charaktertiere mag die ihr eigenes Köpfchen haben, und es mit Humor nehmen kann, sollte doch mal ein Biss passieren.

 

 

Vielzitzenmäuse und Clickertraining

Weichfell-Zwergratten sind intelligenter, kreativer und vorallem deutlich verfressener als Farbmäuse. Auch können/wollen sie sich, so ihnen eine Aufgabe gefällt, besser konzentrieren als diese und da sie nicht ganz so klein und wuselig sind, ist das Timing bei ihnen einfacher. Weichfell-Zwergratten sind daher ansich gut für das Clickertraining geeignet.

Aber: Da sie mehr oder weniger bissig bleiben, es also auch bei zahmen Tieren keine gute Idee ist, ihnen die Finger vor das Mäulchen zu halten, entfallen leider viele Tricks. Es ist (mir) nicht möglich, ihnen ohne Blutverlust das Apportieren in die Hand beizubringen, worauf jedoch sehr viele andere Tricks basieren würden - schade, da die Tiere soviel geistiges Potential hätten.

Auch mit ihrem sehr ausgeprägten Eigenwillen und ihrer unverbesserlichen Sturheit muss man sich wohl oder übel abfinden. Sie machen nur die Tricks die sie gut finden, und zwar auf ihre spezielle Art und Weise und nicht anders.

Ihre liebgewonnenen Trainingsutensilien verteidigen Weichfell-Zwergratten oft bis auf's Blut vor Halter und Artgenossen, hier ist Vorsicht geboten.

Und für das Training innerhalb des Käfigs sind sie aufgrund ihrer ausgeprägten Territorialität und ihrer Ausbruchsleidenschaft schlecht geeignet. Für beide Seiten stressärmer ist es, sie nur im Auslauf zu trainieren. Anders als die meisten Farbmäuse brauchen sie hier keine lange "Erkundungszeit", sondern sind angenehmerweise recht schnell für das Training zu interessieren.

Beachtet und akzeptiert man ihre Eigenheiten, sind Weichfell-Zwergratten tolle und oft witzig-kreative Trainees, mitunter auch für Anfänger.